Home > Aufzucht von Jungvögeln > Der Weg zur Selbstständigkeit

Der Weg zur Selbstständigkeit

Achtung: Dieses Kapitel bezieht sich auf sogenannte Nesthocker, also Vögel, die bis zum Erreichen der Selbstständigkeit im Nest bleiben. für die Nestflüchter unter den Vögeln gelten andere Regeln. Lesen Sie dazu bitte unser entsprechendes Kapitel.

Junges Sommergoldhähnchen beim Erlernen der selbstständigen Nahrungsaufnahme In der Natur entwickeln sich die meisten Jungvögel langsam von einem hilflosen Federknäuel hin zu einem Vertreter ihrer Art, der bereit ist, sich den Anforderungen des Vogelalltags zu stellen. Diese Entwicklung verläuft nicht sprunghaft, sondern innerhalb einiger Tage. Zunächst werden Jungvögel im Nest immer neugieriger, beäugen die Umgebung, trainieren ihre Flugmuskulatur und starten irgendwann ins Leben, indem sie der Kinderstube den Rücken kehren. Foto rechts: Junges Sommergoldhähnchen beim Erlernen der selbstständigen Nahrungsaufnahme, © G. Gödert

Nach dem Verlassen des Nestes erkundet ein Jungvogel in der Natur unter Aufsicht der Alttiere seine Umgebung. Das Gebiet, das er durchstreift, wird hierbei zusehends größer. Er entwickelt und trainiert verschiedene Verhaltensweisen wie beispielsweise den Beutefang, Feinderkennung und Fluchtverhalten. Hierbei steht der Jungvogel weiterhin mit seinen Eltern in Kontakt und wird von diesen mit Nahrung versorgt. Man nennt diese Phase im Leben des jungen Tieres die Bettelflugperiode.

Käfig mit HängenäpfenSobald ein Vogelkind, das in Ihrer Obhut lebt, Anstalten macht, sein Nest zu verlassen, oder wenn es sich bereits um einen Ästling handelt, sollten Wasser und Futter stets für den Jungvogel bereit stehen - auch dann, wenn er noch von Ihnen gefüttert wird. Es hat sich als praktisch erwiesen, nicht nur je einen Napf mit Futter und Wasser auf den Käfigboden zu stellen, sondern auch mehrere Hängenäpfe neben den bevorzugten Sitzplätzen anzubringen. So lernen die Tiere schneller und leichter, selbst Futter und Wasser aufzunehmen. Foto rechts: Käfig mit Hängenäpfen, © Anke Dornbach

Später benötigen die fast selbstständigen Jungvögel eine größere Behausung. Als sehr praktisch haben sich umgebaute Kaninchenkäfige erwiesen, die man für jede Vogelart individuell einrichten kann. Man benötigt hierfür einen rechteckigen Kaninchenkäfig mit einer Kunststoffwanne. Oftmals bekommt man im Tierheim gegen eine kleine Spende einen ausrangierten Käfig.

Große Käfige An die Unterkante des Gitteroberteils wird nun rundherum kleinmaschiges Viereckgitter (50 Zentimeter breit) mit Wäscheklammern fixiert und dann ein Stück Draht durch das Viereckgitter und das Käfigoberteil gefädelt, bis beides miteinander verbunden ist. Das Viereckgitter wird so zurechtgebogen, dass es auf das Plastikunterteil passt. Mit herkömmlichen Käfigklammern, wie sie für kleinere Vogelkäfige Verwendung finden, werden das vergrößerte Oberteil und das Unterteil miteinander verbunden. Vorne schneidet man noch eine große Öffnung hinein und verschließt diese mit einer Klappe aus Gitter. Auf der nebenstehenden Abbildung sehen Sie zwei solche Käfige. Foto rechts © Anke Dornbach

Im linken Käfig sehen Sie im oberen Teil ein Brettchen. Dieses wird sehr gerne angenommen, besonders von Tauben. Nun müssen diese Käfige nur noch den Bedürfnissen der jeweiligen Vogelart entsprechend eingerichtet und ausgestattet werden.

Badende Tauben Zwar haben die verschiedenen Vogelarten durchaus unterschiedliche Bedürfnisse in Sachen Futter und Käfigeinrichtung. für alle gilt aber gleichermaßen: Eine Badegelegenheit darf nicht fehlen, denn das tägliche Bad ist die Voraussetzung für ein intaktes Gefieder, welches später lebenswichtig sein wird. Anfangs ist das Gefieder junger Vögel noch nicht mit Fett imprägniert, sodass die jungen Vögel beim Baden stark durchnässen. Anschließend wird das Gefieder vom Vogel mit dem Schnabel in Ordnung gebracht und mit Fett imprägniert, das er der Bürzeldrüse entnimmt. Nach jedem Bad und mit jeder Gefiederpflege nähert sich die Stärke dieser Fettschicht dem Normalzustand für einen erwachsenen Vogel an. Nach einigen Tagen sind die Federn also so gut eingefettet, dass sie sich nicht mehr übermäßig mit Wasser voll saugen können. Das Gefieder ist somit optimal auf die Bedingungen in der freien Natur vorbereitet. Foto rechts © Anke Dornbach

Bietet man einem Jungvogel vor der Auswilderung keine Badegelegenheit an, saugt sich das Gefieder nach einem Bad in der Wildnis zwangsläufig mit Wasser voll. Der Vogel ist dann meist zu schwer, um fliegen zu können. So kann ihn sein erstes ausgiebiges Bad leicht in akute Lebensgefahr bringen, denn ein nasser, vorübergehend flugunfähiger Vogel ist eine leichte Beute für Katzen und andere Fressfeinde. Sie sollten deshalb niemals einen Vogel auswildern (auch keinen Altvogel!), der nach dem Baden nicht dazu in der Lage ist, zu fliegen, weil sein Gefieder zu stark durchnässt ist. Mit einer einfachen Testmethode können Sie herausfinden, ob das Gefieder eines Vogels ausreichend eingefettet ist. Träufeln Sie ein wenig Wasser auf das Gefieder. Perlt es vollständig ab, ohne die Federn zu durchnässen, sind die Federn in aller Regel genügend eingefettet.

Werden junge Vögel von ihren Eltern aufgezogen, so wird dem Problem des nicht gefetteten Jungvogelgefieders auf natürliche Weise vorgebeugt: Wenn die Altvögel ihre Jungen hudern, also mit dem Gefieder wärmen, überträgt sich das Fett von einem Vogel auf den anderen. Außerdem sorgen Regengüsse dafür, dass das Gefieder junger Vögel in freier Natur meist schon vor dem Verlassen des Nestes erstmals mit Wasser in Berührung kommt.

Edelfinken, Gimpelartige und Sperlinge, welche man nicht ganz korrekt als "Körnerfresser" bezeichnen kann, müssen unbedingt lernen, selbstständig Körner zu enthülsen und zu fressen. Werden sie nur mit Weichfutter ernährt, führt dies später zu schweren Verdauungsstörungen. Anfangs kann man die Körner in eine Tüte geben und sie dann mit dem Nudelholz vorsichtig knacken, oder aber man bietet das Futter gekeimt an. Mit der Zeit mischt man immer mehr ganze, trockene Körner unter, bis der Vogel diese fressen kann. Auch grob gehackte Walnüsse und Pinienkerne werden gerne genommen.

Diese genannten Vogelarten suchen ihre Nahrung hauptsächlich auf Wiesen und in Gebüschen, deshalb richtet man ihre Behausung so ein, dass sie ihrem späteren Lebensraum in etwa entspricht, also mit vielen begrünten Zweigen zum Sitzen, den Boden mit frischem Gras und Grünzeug aus dem Garten sowie Laub, Walderde, Rindenstücken, Moos, Ästen und Steinen dekoriert. Man kann beispielsweise aus einer Wiese ein Stück ausstechen und in eine flache Schale setzen. Täglich etwas gegossen, bleibt diese "Naturwiese" mehrere Tage lang frisch. Ihrer Phantasie sind bei der artgerechten Inneneinrichtung des Käfigs keine Grenzen gesetzt.

Auf dem Boden werden nun flache Schalen mit Körnerfutter, beispielsweise Waldvogel- oder Kanarienfutter, grobem Vogelsand und Wasser platziert. Zwischen die Näpfe streut man außerdem ein wenig Körnerfutter aus. Ein Strauß aus frischen Wildkräutern mit Samenständen darf ebenso nicht fehlen, denn das wird in der Natur die Nahrung der "Körnerfresser" sein.

Verschiedene Futtermittel für Körnerfresser
Verschiedene Futtermittel für Körnerfresser, Foto © Bianca Scherleitner

Amseln und andere Drosselartige suchen später ihre Nahrung vorrangig durch Wühlen am Boden. für sie ist der Bodenbelag daher von äußerster Wichtigkeit. Geeignet sind für sie zum Beispiel Vogelerde, Walderde und Rindenmulch. Darauf legt man trockenes Laub, Blätter, Ästchen, Moos und setzt Steine sowie Holzstücke dazwischen. Die künstliche Wiese, wie bei den Körnerfressern beschrieben, darf auch hier nicht fehlen. In Schalen bietet man neben Wasser und grobem Vogelsand Honigalleinfutter oder Beoweichfutter, in Wasser eingeweichte Beoperlen, Beeren und Früchte wie Kirschen oder Erdbeeren sowie eine Schale mit Erde an, in welcher sich lebende Regenwürmer befinden. Die Schale sollte nicht zu flach sein, sonst entkommen die Regenwürmer sehr schnell. Als Leckerbissen können auch wenige Mehlwürmer gegeben werden. Reife Ebereschenbeeren und Holunderbeeren hängt man in ganzen Dolden ans Gitter oder befestigt sie an den Sitzästen. Reife Beeren stehen normalerweise aber nur im Spätsommer und Herbst zur Verfügung.

Meisen halten sich später weniger am Boden auf, sondern vor allem auf Zweigen, daher ist der Bodenbelag für Meisen nicht so sehr von Bedeutung wie etwa für Amseln. Dafür sollte der Käfig mit begrünten Zweigen in unterschiedlichen Dicken und Formen ausgestattet werden, an denen sie herumturnen können. Meisen fressen in Freiheit bevorzugt Blattläuse und andere winzige Insekten. Sollten Sie also mit Blattläusen befallene Zweige und Triebe finden, sind diese von unschätzbarem Wert für Ihre junge Meise. Sie werden staunen, wie sie interessiert jedes Blatt untersucht und dann die Blattläuse der Reihe nach abpickt. Lebende Raupen und Insekten aus dem Garten sind gleichfalls von großer Bedeutung. Die Meise hält das Insekt oder den Wurm mit den Füßen fest und pickt dann mit dem Schnabel als erstes den Kopf ab, bevor sie den Rest des Futtertieres frisst. Zum Sattessen sollten zusätzlich noch in Wasser gequollene Beoperlen, Insektenfutter, Heimchen und wenige Mehlwürmer bereit stehen. Lebende Drohnenbrut ist ein besonderer Leckerbissen für Meisen.

Junger Kleiber Spechte brauchen eine möglichst geräumige Behausung, welche mit vielen Baum- und Rindenstücken ausgestattet wird, an denen sie entlang klettern können. Ähnliches gilt auch für Kleiber (siehe Abbildung rechts, © Anke Dornbach). Spechte hämmern und klopfen den ganzen Tag an allem herum, was ihnen vor den Schnabel gerät. Sie in einem Käfig zu halten, ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Die Behausung sollte so groß wie möglich sein und mit mehreren schräg und senkrecht gestellten Baumstücken ausgestattet werden, an denen die Spechte entlang klettern und darauf herum klopfen können. Das Futter - klein geschnittene Früchte, gemischt mit Insektenfutter und Futtertieren - wird in stabilen Hängenäpfen angeboten. Um Spechten beizubringen, wo und wie sie später ihre Nahrung finden, kann man mit einer Bohrmaschine Löcher in die Baumstücke bohren und dort Futtertiere hineinlegen. Besonders gut eignet sich für diesen Zweck auch Korkeichenrinde (Bezugsquellen: Rico's Futterkiste oder FutterKonzept). Diese hat eine stark zerfurchte Oberfläche, in welcher sich Futterbröckchen hervorragend verstecken lassen. Allerdings hält die weiche Korkeichenrinde den Schnabelhieben von Spechten nicht allzu lange stand.

Mehlschwalbe im Flug Schwalben sollten nicht in normalen Käfigen untergebracht werden, da sie sich oft die Flügel an den Gittern blutig schlagen. Bewährt hat sich eine Behausung, die von drei Seiten aus Holz und von einer aus feinmaschigem Draht besteht. Außerdem lieben Schwalben Versteckmöglichkeiten, zum Beispiel kleine Pappschachteln, in die man Eingangslöcher schneidet. Hier sind Ihrer Phantasie keine Grenzen gesetzt. Später müssen Schwalben vor ihrer Freilassung lernen, Fliegen zu fangen. Man besorgt daher frühzeitig Angelmaden und lässt daraus Fliegen entstehen. Im Flugraum der Schwalben, welcher so groß wie möglich sein sollte, werden die Fliegen dann frei gelassen, damit die Schwalben sie im Fluge erbeuten können. Eine geräumige Voliere ist aus diesem Grund ideal für Schwalben. Wenn sie das Fliegenfangen im Fluge beherrschen, lässt man sie während einer längeren Schönwetterperiode in der Nähe einer Schwalbenkolonie frei. Foto rechts: Junge Mehlschwalbe im Flug, © Dagmar Offermann

Die Behausung Ihres Wildvogels sollte natürlich keine Dauerunterkunft sein. Freiflüge sind so oft und so lange wie möglich zu gewährleisten, damit der Vogel über genügend Flugtraining verfügt. Bieten Sie Ihrem Vogel keinesfalls mehr Futter außerhalb seines Käfigs an. Er soll lernen, dass er zum Fressen und Trinken zurück in seinen Käfig fliegt. Anfangs müssen Sie ihm sicher noch dabei helfen, indem Sie ihn nach dem Freiflug zurück tragen und in seinen Käfig setzen, bis er gelernt hat, diesen selbst wieder aufzusuchen.

Auf diese Weise wird seine spätere Auswilderung bereits simuliert, bei der er anfangs ebenfalls wissen muss, dass im Käfig Futter verfügbar ist und dass er dorthin zurückkehren muss. Wenn er das gelernt hat, können Sie Ihren Wildvogel später ohne Probleme mit Hilfe seines bekannten Käfigs auch auswildern, sofern Sie nicht über eine Freivoliere verfügen.

>>> Nächstes Kapitel