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Erste Hilfe bei Erkrankungen

Kranker Sanderling Bei Vögeln ist bei den geringsten Krankheitsanzeichen Eile und Handeln geboten, da der Tod aufgrund des hohen Stoffwechsels meist sehr rasch eintritt. Leider sind die wenigsten Tierärzte erfahren in Bezug auf die Behandlung von Vögeln. Fragen Sie deshalb vor dem Tierarztbesuch nach, ob Ihr Tierarzt ausreichend vogelkundig ist, um Tierarztodysseen, die nicht nur für Sie nervenaufreibend sind, sondern für den Vogel einer enormen Anstrengung gleichkommt, vermeiden zu können. Foto rechts: kranker Sanderling, © Dagmar Offermann

Ein Transport zum Tierarzt bedeutet für den Wildvogel Stress! Beim Transport sollte der kranke Vogel vor Kälte und Zugluft geschützt sein, der Transportbehälter - gut eignet sich ein mit einem Handtuch ausgelegter Karton -, in dem der Vogel Halt finden und nicht rutschen kann, sollte mit einem Tuch bedeckt werden, damit der Vogel möglichst wenigen Umweltreizen ausgesetzt ist. Dadurch wird die Schockgefahr erheblich reduziert.

Folgende Gedanken sollten Sie sich vor dem Tierarztbesuch machen:

- Seit wann bestehen die Krankheitsanzeichen?
- Sind weitere Vögel erkrankt?
- War der Vogel schon einmal krank?
- Wenn ja, wie wurde er behandelt?
- Gab es Kontakte zu Neuzugängen oder anderen Vögeln?
- Welche Maßnahmen haben Sie bereits ergriffen?
- Wie verhält sich der Vogel?
- Womit und in welchen Mengen füttern Sie ihn?
- Seit wann ist er bei Ihnen?
- Wie ist die Wasseraufnahme?
- Wie sieht der Kot aus? Nehmen Sie frischen, in Frischhaltefolie gewickelten Kot mit!
- Wo steht der Käfig?
- Wie groß ist er?
- Wie ist er eingerichtet?
- Wie sieht die Vorgeschichte aus? Ist der Vogel z. B. von einer Katze verletzt worden oder vom Dach gefallen?

Je mehr Informationen Sie dem Tierarzt geben können, umso leichter und treffsicherer wird für ihn die Diagnosestellung sein.

Im Folgenden finden Sie einige Hinweise, die Sie im akuten Notfall befolgen sollten, um das Leben eines Vogels zu retten.

  • Die normale Körpertemperatur der Vögel liegt je nach Art zwischen 40 und 42°C. Als Abwehrmaßnahme gegen Krankheitserreger und weil die Energie zur Erhaltung der Körpertemperatur bei Erkrankungen fehlt, senkt sich die Körpertemperatur - im Unterschied zu der von Säugetieren, die meist mit einer Erhöhung der Temperatur reagieren - bei erkrankten Vögeln ab. Dem kranken Vogel muss also unbedingt Wärme zugeführt werden!

    Dies funktioniert am besten mit einer Glühbirne, deren Leistung zwischen 40 und 60 Watt beträgt. Sie wird über dem gefiederten Patienten angebracht und bestrahlt ihn mit Wärme. Zusätzlich zur Wärmebestrahlung eignet sich eine Wärmflasche, auf die das Tier gebettet wird.

    Achten Sie bitte darauf, dass die Temperatur nicht zu hoch wird (maximal 35°C), sodass der Vogel keinen Hitzestau erleidet. Am besten überprüfen Sie die Temperatur mit einem Thermometer. Es sollte nur ein Teil des Käfigs bestrahlt werden, damit der Vogel bei Bedarf einen kühleren Ort innerhalb seiner Behausung aufsuchen kann. Gleichzeitig sollte für eine hohe Luftfeuchtigkeit gesorgt werden. Dies funktioniert am besten, indem man ein feuchtes Tuch an den Käfig hängt.

    Wärmebestrahlung ist aber nicht immer angezeigt, sie kann sogar schädlich sein! Nicht anzuwenden ist sie beispielsweise bei Störungen oder Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (ZNS), die sich durch Lähmungen und Krämpfe zeigen können, oder bei Verletzungen des Gehirns, die meist nach Kollisionsunfällen auftreten. Durch die Wärme wird der Blutdruck im geschädigten Gehirn erhöht, wodurch der Krankheitsverlauf verschlimmert werden kann! Patienten mit solchen Verletzungen oder Erkrankungen sollten in einem abgedunkelten, ruhigen Raum untergebracht werden. Zusätzlich sollte man ihnen ein Vitamin-B-Präparat wie etwa Sanum N einflößen.

  • Vögel haben einen schnellen Stoffwechsel und magern daher innerhalb weniger Stunden/Tage stark ab, wenn sie keine Nahrung aufnehmen. Durch diese rasche Abmagerung, die zur Entkräftung führt, erliegt ein Vogel schnell seiner Krankheit. Deshalb muss ein kranker Vogel meist zwangsgefüttert werden. Die Technik des Fütterns entspricht der in der Rubrik "Aufzucht von Jungvögeln" beschriebenen Methode.

    Ist der Vogel sehr schwach und behält er das Futter nicht bei sich beziehungsweise kann er es nicht schlucken, so wird das artübliche Futter gemahlen und mit Wasser zu einem Brei verrührt, der mittels Einwegspritze in kurzen zeitlichen Abständen in den Rachen gegeben wird. Ein Rezept für einen sehr gut geeigneten, gehaltvollen Futterbrei finden Sie hier. Sinnvoll ist die Beimengung von zehnprozentiger Traubenzuckerlösung, Vitaminen, Mineralstoffen und Amynin oder Volamin. Behält der Vogel diese Nahrung auch nicht bei sich, so geben Sie ihm nur zehnprozentige Traubenzuckerlösung und Amynin ein, damit er nicht austrocknet und ihm Energie zugeführt wird.

  • Fliegt ein Wildvogel gegen ein Hindernis - zum Beispiel eine Glasscheibe -, ist häufig eine Gehirnerschütterung die Folge. Vorsicht! Der betroffene Vogel ist benommen und gerät leicht in einen Schockzustand! Transportieren Sie den Vogel vorsichtig und legen Sie ihn auf eine weiche Unterlage in einer ruhigen, warmen Umgebung. Ein Tierarzt sollte erst aufgesucht werden, wenn sich das Befinden des Vogels wieder stabilisiert hat. In den meisten Fällen reicht es aber aus, wenn der Vogel einige Zeit Ruhe hatte und ihm Vitamin B (eventuell mit ein wenig Wasser vermischt) eingeflößt wird. Die Erstbehandlung eines Vogels, der an einer Gehirnerschütterung leidet, sollte unter denselben Aspekten erfolgen wie die Behandlung einer Störung des Zentralen Nervensystems (ZNS).

  • Offene Kopfwunde bei einem Gimpel Offene Wunden müssen desinfiziert werden. Hierzu tupft man die Wunde zunächst vorsichtig mit einem sauberen Tuch ab und desinfiziert sie anschließend mit Betaisodonalösung. Eine Alternative zu Betaisodonalösung ist Lavaseptlösung, die speziell bei Verbrennungen wirksam ist.

    Die Verabreichung eines Antibiotikums kann in manchen Fällen angezeigt sein. Sie ist oft dann erforderlich, wenn es sich um eine durch ein Säugetier verursachte Bisswunde bzw. Verletzung (vor allem Katzenbisse!) handelt. Der Speichel einiger Säugetiere - insbesondere der von Katzen - enthält Pasteurellen (Bakterien), die sobald sie in die Blutbahn des Vogels eingetreten sind, innerhalb von 48 Stunden zum Tode führen können. Hierzu muss keine Wunde sichtbar sein, es genügt der kleinste Kratzer in der Vogelhaut. Wirksam gegen Pasteurellen ist beispielsweise der Wirkstoff Enrofloxacin, der in Baytril enthalten ist. Foto rechts: Gimpel mit Kopfverletzung, © Roland Adam

  • Akute Blutungen müssen sofort gestillt werden! Der Verlust von zuviel Blut kann zum Tod führen, da Vögel nur über eine geringe Gesamtblutmenge verfügen. Bei kleineren Wunden drückt man mit einem in Eisenchloridlösung getränkten Wattepad, oder - sofern diese nicht zur Hand sein sollte - mit Tageszeitungspapier so lange auf das beschädigte Blutgefäß, bis die Blutung gestoppt ist.

    Größere Verletzungen müssen eventuell anschließend abgebunden werden. Bei starkem Blutverlust sollte Elektrolytlösung verabreicht werden, damit der Vogel nicht dehydriert (austrocknet). Bitte lesen Sie zum Thema "offene Wunden" unsere Ausführungen über Verletzungen der Haut.

  • Bei starken, länger anhaltenden Blutungen sollten Sie Vitamin K verabreichen. Achtung: Reines Vitamin K darf nie überdosiert werden, denn es kann tödlich sein! Bitte halten Sie sich deshalb ganz genau an die Dosierungsanleitung!

  • Bei beziehungsweise nach einem hohem Blutverlust ist es ratsam, ein Eisenpräparat über das Trinkwasser zu verabreichen.

  • Eine Nachbehandlung mit homöopathischen Mitteln kann mit Natrium muraticum D200, Ferrum phosphoricum D12 und China D4 über das Trinkwasser erfolgen.

  • Bei Kreislaufversagen und/oder Schock kann es hilfreich sein, dem Vogel einige Tropfen aufgebrühten, abgekühlten Kaffee einzuflößen. Solche Schwächezustände sind bei Seglern an den sehr blassen Schleimhäuten zu erkennen, bei anderen Vogelarten daran, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Befindet sich ein Vogel im Schockzustand, zeigt er also beispielsweise keine Schluckreflexe und ist er völlig erstarrt, ist Vorsicht geboten, da er sich an eingeträufelter Flüssigkeit verschlucken könnte!

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