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Diese Geschichte ist keine Anleitung zur Aufzucht, Ernährung und Haltung von Wildvögeln! Lesen Sie zu diesen Themen bitte unsere entsprechenden Kapitel! Es handelt sich bei diesem Text um subjektive Erfahrungsberichte, die durchaus Fehler enthalten können.

Aufzucht von Gebirgsstelzen

Junge Gebirgsstelzen Am Freitag, den 18. Juni 2004, habe ich in der Gosse (in Ormoy, im Département Essonne in Frankreich) zwei junge Vögel gefunden. Sie waren noch sehr klein, die Federn fingen gerade an zu sprießen. In der Nähe konnte ich kein Nest entdecken. Die Eltern waren auch nicht zu sehen. Und selbst wenn sich die Eltern noch um sie gekümmert hätten, wären die Kleinen sicher von einem Auto überfahren oder bei einem Regenguss in den Gully gespült worden. Ich habe sie mitgenommen und aufgezogen.

Als erstes habe ich ihnen Regenwürmer und in Wasser aufgeweichtes Trockenfutter für Katzen vermischt mit Haferflocken gegeben. Die Nahrung habe ich auf ein japanisches Essstäbchen geklebt, da ich keine Spritze hatte. Das hat sehr gut geklappt. Nachdem sie die erste Nacht überlebt hatten, habe ich zur der Futtermischung noch ein Jungvogelfutter und Beofutter aus dem Handel hinzugefügt. Auf die Regenwürmer habe ich verzichtet, nachdem ich in einem Kapitel der Wildvogelhilfe-Website gelesen hatte, dass diese für manche Vögel toxisch sein können. Ich habe den jungen Vögeln kein Wasser extra zugeführt, sondern darauf geachtet, dass die Nahrung feucht war.

Ich habe sie alle halbe Stunde gefüttert (nur nicht nachts). Und, um sie regelmäßig füttern zu können, habe ich sie überall mit hingenommen: zur Arbeit, zu Freunden, auf einen Spaziergang. Einer der beiden Vögel wirkte schwächer und war bei der Nahrungsaufnahme ungeschickt. Oft warf er die Nahrung vom Stäbchen oder öffnete den Schnabel erst, als ich schon aufgegeben hatte. Diesen Vogel habe ich mehrmals in die Hand genommen und konnte ihn dadurch gezielter füttern.

Junge Gebirgsstelze Nach einigen Tagen zeigten sich die Farben und der Schnabel wurde spitzer. Ich konnte die Vögel circa fünf Tage, nachdem ich sie aufgenommen hatte, identifizieren: es handelte sich um Gebirgsstelzen, auch Bergstelzen genannt. Ich fing an, ihnen lebendige Insekten zu besorgen, im Wesentlichen Spinnen und Blattläuse. Sie bekamen außerdem Ameiseneier. Ich stelle ihnen dann auch Wasser in den Käfig. Samstag, also eine Woche nachdem ich sie gefunden hatte, fingen sie an, lebende Insekten zu fressen und selbständig zu trinken.

Im Badezimmer organisierte ich Flugversuche. In einem geschlossenen Raum ist das immer etwas problematisch. Aber sie lernten tatsächlich zu fliegen. Wegen unserer Katze und des ungeeigneten Lebensraumes in der Gegend wollte ich die Flugversuche nicht im Freien machen.

Während der ganzen Zeit kommunizierte ich natürlich mit ihnen und wiederholte immer das gleiche Schnalzen oder Pfeifen. Ich habe das auch gemacht, um sie später, bei der Auswilderung, rufen zu können.

Gestern, also am Dienstag, den 29. Juni, habe ich sie einen ersten Freiflugversuch unternehmen lassen. Ich habe sie in ein Naturschutzgebiet gebracht, in dem es kleine Bachläufe, Kanäle und einen Fluss gibt. Ich brachte den Vögeln Insekten (vor allem Mücken, die sich auf mich stürzten) und lockte sie immer wieder in die Nähe eines Baches. Eine der beiden Gebirgsstelzen fing tatsächlich an, sich wie ein ganz normaler Vogel ihrer Art zu bewegen und nach Nahrung zu suchen.

Ich wollte beide Vögel nach dem ersten Freiversuch noch einmal mit nach Hause nehmen. Kurz bevor ich sie wieder in den Käfig bringen wollte, sprang plötzlich ein Frosch aus dem Wasser und schnappte nach einer der Gebirgsstelzen. Vielleicht handelte es sich um den amerikanischen Ochsenfrosch. Diese konnte entkommen, war aber wohl so geschockt, dass ich mich ihr nicht mehr nähern konnte. Der Vogel hat also die Nacht draußen verbracht und die andere Stelze noch bei mir.

Heute war ich wieder in dem Naturschutzgebiet und ich habe die Gebirgsstelze von gestern wieder gesehen! Sie reagierte auf mein Rufen und kommunizierte dann mit ihrem Bruder (oder ihrer Schwester). Ich ließ also auch den zweiten Vogel definitiv frei und meine, dass es beide schaffen können.

Mit diesem Bericht möchte ich zeigen, dass man Jungvögel durchaus retten kann (man hört so viel von gescheiterten Versuchen). Ganz wichtig war, glaube ich, die Häufigkeit der Fütterung.

Autorin des Sonderbeitrags: Birgit Töllner, Frankreich, Juni 2004